Hier in Spanien
Claudia Peter

Galeria Arrabal Kunst Pioneer an der Costa Blanca

Wenn man die Galeria Arrabal verlässt, sieht man Callosa d' Ensarriá mit anderen Augen. Das liegt an der Sonderausstellung, die dort zur Zeit stattfindet. der Brite Paul Critchley zeigt Arbeiten, die in den vergangenen Monaten in Callosa d'Ensarriá entstanden sind und den alten teil der Stadt mit seinen engen Gassen und schmalen Hausfassaden zum Thema haben. "In meinen Bildern versuche ich, mehr als eine Anschicht zu zeigen, um eine besondere Darstellung meiner Umgebung zu präsentieren. Dies bedeutet, dass ich die Perspekyive, die erfunden wurde, um den Raum von einem festen Punkt aus zu demonstrieren, ausdehnen und verzerren muss", sagt Paul Critchley und tut es. Die Ergebnisse sind verblüffend. Ein scheinbar absurdes optisches Spiel - erst durch malerische Verfremdung wirkt das Gesehene überzeugend.

Die Aktuelle Ausstellung: Ein Junger Britischer Maler.

Critchley befreit sich von alten fesseln akademischer Lehre: Seine bildformate sind unregelmässig und dem Motiv entsprechend gewählt. Perspektive ist nicht mathematisch konstruiert sondern "gefühlt". Und genau das macht die Bilder so glaubhaft. Denn bekanntlich ist dem Hirn gemeinhin eher zu misstrauen, als dem Bauch. Critchley folgt dieser Regel mit grossem gespür. Er überarbeitet seine vor der Natur angefertigten Skizzen so lange, bis sie "dem Gefühl nach stimmen". dabei verbiegt er Kanten, lässt Fluchtlinien weit auseinanderlaufen, nimmt Fenster und andere, den Gesamteindruck störende Details weg und baut scharfe Schlagschatten ein. die Strassen von Critchleys Callosa sind menschenleer (Menschen sind höchstens Schatten). Langweilig oder leblos wirken die Dorfansichten nicht, denn ihnen wird eine eigene Lebendigkeit und Dynamik verliehen. Überdimensionale Häser leben!

Hin und wieder erlaubt sich der Künstler kleine Gags: Bei einem Bild lässt sich die Himmelzone auswechseln, drei verschiedenfarbige Auswechselstüke stehen zur Wahl und damit drei variierende Tageszeiten und Lichtstimmungen für ein und dasselbe Bild.

Genau genommen ist der Begriff Bild oder Gemälde für Critchleys arbeiten nicht korrekt. er arbeitet auf leinwandbespannten, je nach Motiv zurechtgesägten Holzplatten, es gibt verscheidene Malebenen, Durchblicke, Aussparungen, die start zum Relief tendieren und damit die Idee des Bildes, das aus der Wand drängt und in sie hineinführt, illustrieren.

Paul Critchley wurde 1960 in England geboren. Während seines kunststudiums sagten ihm Mitstudenten und Professoren immer wieder: "Deine Perspektiven sind falsch, aber gut!". Von da an war Critchley seinem eigen Stil auf der Spur. Erste konkrete Formen nahm dieser 1985 an, als sich der Künstler in Berlin aufhielt und in Kreuzberg begann, Interieurs zu malen, aus der Vogelperspektive, frontal, von der Seite und das alles in einem Bild.

Bei anschliessenden Besuchen in Frankreich und Italien arbeitetete er an seiner "grossen Idee, von der ein Bild immer nur eine Lösung sein kann" weiter. Die Verkaufszahlen scnellten nach oben, Critchley stellte von nun an häufiger aus. Immer gerade dort, wo er sich aufhielt und arbeitete. Zur Zeit ist er in Callosa d'Ensarriá.

Galerie und Galeristin

Heir hat er in Imme Reich, Bezitzerin der Galeria Arrabal. eine sachverständige Vertreterin gefunden. Weil ihr die Bilder von Paul Critchley gefallen, stellt sie sie aus. das hört sich sehr einfach an, ist es aber nicht. Denn wenn sich inder Galerie etwas genauer umseiht, fällt die durchgängeig hohe Qualität der Exponante auf. Vorhanden sind zwar alle grossen kunststile der klassischen und zeitgenössischen Moderne (Expressionismus, Surrealismus, Symbolismus, Primitivismus, Fauvismus ...), aber eben alles mit gewiiem Niveau. Die Namen der in der Galeria Arrabal vertretenen Künstler auf zählen zu wollen, wäre ein platzverschlingendes Unterfangen, eine repräsentative Auswahl viel zu beliebig, denn über 100 Künstler sind im Angebot.

Die Galeristin kennt sie alle persönlich. Die Wände ihres jahrhundertealten Hauses hängen voll, Gemälde stehen aus Platzmangel am boden. Schauen und Stöbern macht Spass!

Vor 26 Jahren haben sich Imme und ihr Mann Fritz van Ankum in Callosa niedergelassen. iht Haus, im ältesten Teil des Orts gelegen, haben sie einfühlsam für Galerie-,Atelier- und Wohnzwecke hergerichtet. Hier fanden ausser Kunstausstellungen, auch Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Mit dem Goethe-Institut pflegte man regen Austauch. Noch heute ist die korrespondenz kaum zu bewältigen. Bis vor acht Jahren organisierte die Galería Arrabal jährlich zehen Einzelausstellungen mit Plakat und Katalog, heute sind es hauptsächlich Gruppenausstellungen.

Denn die Zeiten haben sich gewandelt;. Aus ihren langjährigen Erfahrungen als Galeristin schliesst Imme Reich, dass sich die Entwicklung von Qualität und Inhalt zugunsten von weniger Anspruchsvollem, zum eher Dekorativen verschoben habe. Zu dem hätten die Leute mehr denn je Angst vor Diebstahlen, obwohl diese, so deie Galeristin, gerade bei Kunstwerken unwahrscheinlich seien, da Räber schnell in Bargeld umsetzbare Beute suchten. Vor 15 bis 20 Jahren sei auch das Leben noch anders gewsen. Nichts so eilig, meht Muse. Die Touristen suchten nicht nur sonnige Strände, sondern auch das Land Spanien. Mit der Reizüberflutung, so vermutet die Kunsthistorikerin, habe der Sinn für schönen Künst start nachgelassen.

Hat die Galeristin Imme Reich einen Wunch? Ja. Sie mochte ihre Arbeit noch mögelich lange aus¨ben können. "eine wunderbare Arbeit, weil wir umgegeben sind von dem was uns Freude macht - von der Kunst".

Und dann ist da noch eine andere Leidenschaft, die in Imme Reich schlummert: Die Lieratur. Gern würde sie Erzählungen schreiben, aber aus Zeitmangel hat es bislang nur für Stoffsammlungen, die schon sehr umfangreich sind, gereicht. Vielleicht kann man ja doch irgendwann einmal Erlebnisse von Imme reich gedruckt lesen.

Ihr Mann hat dieses Problem anders gelöst. Als Maler und Graphiker verknüpft Fritz van Ankum die Leidenschaft mit der Arbeit. Seine Leiblingsmotive sind Landschaften aus der Umgebung.

Und bevor man die Galerie verlässt kommt man noch einmal an Paul Critchleys Stadtansichten vorbei mit den verbogenen Mauern und merkwürdigen Proportionen. Ihre wahre Wirklung zeigen sie überraschenderweise ausserhalb ser Galerie, dort wo die Originalmotive stehen. Die Gassen sind eng wie nie, die Häuser monumental. man schaut an ihnen empor und der Himmel über Callosa d'Ensarriá zeight plötzlich ein kräftiges Critchley-blau. [ ...]

18/3/92